Erst Teilnehmer, jetzt Vorbilder: CHARGEUNITY zeigt, wie nachhaltig gründen aussieht
„Es lohnt sich daran zu glauben, auch wenn alles gegen einen spricht.“ Mit diesen Worten schloss Carl Müller seinen Vortrag beim Zwischenpitch des aktuellen ZEBRA Accelerators, einem Förderprogramm für GreenTech-Startups, das jungen Unternehmen über mehrere Monate intensives Coaching, Netzwerk und Ressourcen bietet, um ihr Geschäftsmodell zu durchleuchten. Dass Carl beim sechsten Batch des vom Startup Village Jülich ausgerichteten und entwickelten Programms auf der Bühne stand, war kein Zufall. Er sprach nicht aus einem Motivationsbuch, sondern aus eigener Erfahrung. Carl und sein Mitgründer Niklas Seitenspinner kennen sich seit dem gemeinsamen Abitur in Köln. Heute bauen sie gemeinsam an einem der drängendsten Infrastrukturprobleme der Mobilitätswende: Es gibt zu wenig Ladesäulen dort, wo die Menschen leben, auf öffentlichen Straßen ohne eigenen Stellplatz. Genau dort setzt CHARGEUNITY, das Unternehmen der beiden Gründer, an.
Das Startup Village Jülich, das im Brainergy Park Jülich ansässig ist, kennt die beiden Gründer noch aus seiner ersten Investment Masterclass. Der Brainergy Park ist ein interkommunales Gewerbegebiet, das sich den Themen Neue Energien und Energiewende widmet und damit den idealen Rahmen für Startups wie CHARGEUNITY bietet. Damals waren Niklas und Carl Teilnehmende, heute stand Carl als Referent vor den Teams des laufenden ZEBRA Accelerators des Startup Village Jülich.
Das Konzept von CHARGEUNITY setzt an einem Problem an, das die Elektromobilität seit Jahren bremst. Solange es zu wenig Lademöglichkeiten gibt, kaufen sich zu wenige Menschen ein Elektroauto. Und solange zu wenige Elektroautos unterwegs sind, lohnt sich der Ausbau der Infrastruktur für große Anbieter kaum. Die Antwort von CHARGEUNITY: nicht Energiekonzerne oder Kommunen sollen diesen Knoten lösen, sondern Privatpersonen und lokale Akteur:innen. Standortpartner:innen investieren in eine Ladesäule samt Installation, Netzanschluss, Beschilderung, Markierung und Projektmanagement. CHARGEUNITY kümmert sich darum, dass alles läuft: die kommunale Genehmigung, der Anschluss ans Stromnetz, die laufende Abrechnung, eine Hotline und die Instandhaltung. Im Gegenzug verdienen die Standortpartner:innen am Stromverkauf und profitieren dabei von der aktuellen Förderung für Elektromobilität in NRW, die die Investition bis Mitte 2027 um bis zu 3.000 Euro reduziert. Die Gesamtinvestition liegt je nach Region bei rund 15.000 bis 20.000 Euro und rechnet sich im mittleren Szenario nach etwa fünf Jahren.
2021 bis heute: Eine Geschichte aus Learnings, Umwegen und Zahlen, die überraschen
Den Grundstein legten die beiden im Jahr 2021. Niklas, dessen Ausbildung bei Volkswagen einen Monat vor dem Bekanntwerden des Dieselskandals begann, hatte das Thema Elektromobilität schon lange im Blick. Carl brachte aus frühen Berufserfahrungen in Startups die Gewissheit mit, dass er gründen wollte und die Überzeugung, dass ein gutes Team dabei von enormer Bedeutung ist. Gemeinsam arbeiteten sie die Idee aus und schrieben einen Businessplan. Das erste Jahr brachte dann vor allem Erfahrung. Die Zusammenarbeit mit Kommunen, ohne die Ladesäulen im öffentlichen Raum nicht aufgestellt werden dürfen, erwies sich als deutlich komplexer als gedacht. Als die beiden 2023 offiziell gründeten und Anträge in Köln und Düsseldorf stellten, merkten sie schnell, dass große Städte lange Bearbeitungszeiten bedeuten. Ihre Konsequenz war pragmatisch, sie verlagerten den Fokus auf kleinere Kommunen. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte.
Im Dezember 2025 war es soweit. In Bergisch Gladbach stellte CHARGEUNITY seine erste Ladesäule auf. Inzwischen sind es vier Standorte in verschiedenen Kommunen. Die ersten Hochrechnungen aus dem laufenden Betrieb in Bergisch Gladbach übertrafen die eigenen Erwartungen deutlich. Wo konservativ mit einer jährlichen Rendite von 8,6 Prozent geplant worden war, zeichnet sich nach den ersten Monaten eine Verzinsung von rund 16 Prozent ab. Diese Erfahrung gab Carl auch den Teilnehmenden des ZEBRA Accelerators direkt mit. Wer am Anfang konservativ rechnet, kann seinen Kund:innen und Investor:innen später mit echten Zahlen positiv überraschen.
Smart Money und der nächste Schritt
CHARGEUNITY will kein Unicorn sein, also kein Startup, das auf schnelles, exponentielles Wachstum und einen baldigen Exit setzt. Die beiden Gründer betonen das bewusst. Die Infrastruktur für Elektromobilität wächst schrittweise und ihr Unternehmen soll mit ihr wachsen. Dieses Selbstverständnis prägte auch den Weg zur ersten Finanzierungsrunde, die inzwischen abgeschlossen ist. Statt auf schnelle Deals zu setzen, suchten Niklas und Carl gezielt nach Investor:innen, die nicht nur Kapital, sondern auch Know-how und Netzwerk mitbringen. Über Multiplikator:innen, Events und viele persönliche Gespräche fanden sie Business Angels, die diesen Weg mit ihnen gehen wollen. Dass Flyeraktionen dabei gar nicht funktioniert haben, dafür persönliche Gespräche auf Veranstaltungen umso mehr, war einer der direktesten Tipps des Abends. Ein Raum wie das Startup Village Jülich, wo genau diese Begegnungen entstehen, ist für Gründer:innen in dieser Phase kaum zu unterschätzen.
Mit dem frischen Kapital stellt CHARGEUNITY erstmals Mitarbeitende ein: eine Person für das Projektmanagement und eine:n Werkstudierende:n für Marketing. Damit schaffen sich die Gründer den Freiraum, den sie für die nächste Wachstumsphase brauchen. Mit diesem Team wollen sie skalieren und dabei ihre ursprüngliche Vision verfolgen: Menschen eine Möglichkeit geben, in echte Infrastruktur zu investieren, statt in abstrakte Finanzprodukte und dabei selbst Teil der Energiewende zu werden.
„Das Startup Village Jülich hat uns sehr frühphasig, bereits vor dem Aufstellen der Finanzierungsrunde, unterstützt. Über die ZEBRA Investment Masterclass konnten wir nicht nur herausfinden, wie ein Pitch Deck gestaltet werden soll oder wie man die richtigen Investoren findet, sondern auch verschiedene Möglichkeiten, eine Finanzierungsrunde aufzustellen, evaluieren, um die für uns passende Möglichkeit herauszufinden“, betonen die beiden Gründer von CHARGEUNITY die Bedeutung des Startup Village Jülich und der ZEBRA-Programme.
Beim Startup Village Jülich begann ihre Geschichte als Lernende. Heute kamen sie zurück, um weiterzugeben, was sie auf dem Weg gelernt haben. Dass Fokus am Anfang entscheidend ist, dass persönliche Gespräche mehr bewegen können als jede Kampagne, und dass man dabei auch scheitern darf, Umwege nehmen muss und trotzdem dran bleiben sollte, das alles klang nicht nach Theorie aus einem Lehrbuch, sondern nach echten Erfahrungen.
Demo Day der ZEBRA Programme am 9. Juli
Wer sich selbst ein Bild machen möchte, welche Ideen gerade im Startup Village Jülich heranwachsen, ist am 9. Juli ab 16 Uhr zum Demo Day der ZEBRA Programme eingeladen. Dort pitchen die Teams des aktuellen ZEBRA Accelerators und der ZEBRA Investment Masterclass vor Publikum. Neben einem Jurypreis wird an diesem Abend auch ein Publikumspreis in Höhe von 1.000 Euro vergeben, und wer den gewinnt, entscheiden das Publikum selbst. Zur Anmeldung geht es hier.